Wahrheit und Subjektivität, TP 2: Filmische Konstruktionen von Mindersinnigkeit

Description

FORSCHUNGSPROJEKT:FILMISCHE KONSTRUKTION VON MINDERSINNIGKEIT

(GESAMTPROJEKT: WAHRHEIT UND SUBJEKTIVITÄT. FIGUREN UND FIGURATIONEN DER AUTHENTIFIZIERUNG, www.exc16.de/cms/wahrheit-subjektivitaet.html)

 

Teilprojekt Ochsner: "Zur filmischen Konstruktion von Mindersinnigkeit"

(Projektleitung: Beate Ochsner, Mitarbeiter: N.N., Wissenschaftliche Hilfskraft: Larissa Bellina)


Kurzbeschreibung:


Den Ausgangspunkt meines Teilprojektes bildet die Konstruktion der Figur des Mindersinnigen in ausgewählten Dokumentarfilmen. Vor dem Hintergrund einer philosophie- wie auch kulturgeschichtlichen engen Verschränkung von Subjektivität und Ästhetik, mithin der Verzahnung von Sinneswahrnehmung, Subjektkonstitution und (Selbst-)Erkenntnis bildet die Analyse der filmischen Konstruktion des Bildes blinder, tauber, stummer, taubblinder, taubstummer und bildtaubstummer Menschen mit – so der medizinische und zuweilen auch der heilpädagogische Diskurs – einer wenig differenzierten, primitiven Persönlichkeitsstruktur den Schwerpunkt der Analyse. Dabei spielt die Eigen- wie auch die Fremdwahrnehmung der Minder- durch Normalsinnige im Film bzw. im filmischen Dispositiv (d. h. durch die Kamera und, in ihrer Folge, durch den Zuschauer) sowie die in einigen neueren Filmen (so z. B. in Taubblind, Wolfram Seeger 2001) visierte filmsprachliche Rekonstruktion mindersinniger Wahrnehmungsformen eine wesentliche Rolle. Dabei ist sogleich anzumerken, daß der Begriff der Wahrnehmung keinen etymologischen Bezug zur Wahrheit, sondern zu dem früheren, mittlerweile untergegangenen Substantiv "wahr" unterhält. So wäre "etwas wahrnehmen" mit "etwas in Acht nehmen", "etwas behüten", oder "Fürsorge für jemanden übernehmen" zu übersetzen. Unter diesem Aspekt der Fürsorge oder -sprache wird die Untersuchung die in Relation zur Figur des Mindersinnigen zu begreifenden, zumeist normalsinnigen Autoritätsinstanzen wie den Heilpädagogen, den Lehrer, den Arzt oder auch den Off-Kommentator einbeziehen. Während jener in einer älteren Tradition des Dokumentarfilms als eine Art Statthalter der Wahrheit das (ungleiche) Verhältnis zwischen Wissen und Macht auf der einen und dem auf diese Weise als mindersinnig konstruierten Körper auf der anderen Seite erzeugt, versuchen neuere Dokumentationen, wie z. B. Wolfram Seegers Taubblind (2001), sich der Wahrnehmungswelt der Taubblinden anzunähern.


Im Projekt wird nun aufzuzeigen sein, auf welche Weise Bilder des Mindersinnigen bzw. des mindersinnigen Körpers sowie deren Wahrnehmung innerhalb kultureller Räume entstehen und mittels spezifischer filmischer Techniken sowie historisch, intentional und ästhetisch zu unterscheidender Inszenierungsstrategien geformt werden. So ist die Mindersinnigkeit als sozio-mediales Phänomen, als Sinneffekt eines multimedialen, über das rein Diskursive hinausgehenden Konstitutionsprozesses zu verstehen. Die filmwissenschaftliche Komponente erweitert auf diese Weise die große Anzahl kulturwissenschaftlich geprägter Untersuchungen aus der neueren disability-Forschung, die mittlerweile zwar mehrheitlich davon ausgehen, dass Behinderung keine essentialistische oder ontologisch-naturgegebene Eigenschaft darstellt, sich aber primär auf die soziodiskursive Konstruktion konzentrieren. Das Projekt wird von folgende Fragestellungen geleitet:

  • Welchen filmischen Produktionsbedingungen unterliegt der Mindersinnige, welche Bilder entwerfen ihn? Welche Zeichen, Stigmata oder Labels werden ihm zugeschrieben, inwieweit übernimmt er die ihm auf diese Weise angewiesene Rolle und Identität?
  • Wie wird der Mindersinnige im Film durch die anderen, normalsinnigen Subjekte, wie durch die ihm zugewiesene Rolle und Position im filmisch konstruierten sozialen Interaktionsraum konstruiert? Welche Handlungsräume kommen ihm – wenn überhaupt – zu, in welchen filmischen Kadrierungsmechanismen kann er sich bewegen?
  • Auf welche Weise werden verschiedene Figuren wie der Arzt, der Heilpädagoge, der Lehrer und der Off-Kommentar (so vorhanden) in einem Akt des Wahrsprechens als Subjekte konstituiert, d.h. „auf welche [filmische, B.O.] Weise stellt sich derjenige, der die Wahrheit, sagt, in seinen eigenen Augen und in den Augen der anderen die Form des Subjekts vor, das die Wahrheit sagt.“1 Dabei jedoch geht es nicht um die Analyse des Diskurses als solchen, vielmehr stehen die Strategien der filmischen Inszenierung im Vordergrund. Dabei konzentriert sich die Analyse auf die Blickkonstellationen, die Darstellungs- und Zeigekonventionen, die auf diese Weise konstruierten Subjekt-Objekt-Relationen, die Legitimierung des voyeuristischen Dispositivs und des Anspruchs auf (medizinisch-diagnostische wie auch heilpädagogische) Wahrheit bzw. situative Autorität und Authentizität. Darüber hinaus werden das Framing und die Erzeugung unterschiedlicher sozialer Bild- oder Funktionsräume sowie die Ebene des Tons im Hinblick auf die filmische Inszenierung von Autorität und Wahrheitsanspruch auf der einen sowie Konstruktion oder Verweigerung von Subjektivität auf der anderen Seite anhand verschiedener filmsprachlicher Mittel (Kamerabewegung, Perspektive, filmische Raumkonstruktion, auditive Ebene, Figurenkonstrukton und -konstellation, etc.) analysiert werden.

 

Gestaltungen des Wissens, der Wahrheit und der Macht oder: Biopolitik des wahren Sehens


Im Kontext einer spezifischen Form von Gouvernementalität lässt sich die filmische Produktion der Figur des Mindersinnigen bzw. allgemeiner von Figuren der Behinderung als „neoliberale Machtstruktur [begreifen], die […] inkludierende Exklusion ebenso wie exkludierende Inklusion praktiziert.“2 Sichtbar werden diese Mechanismen z.B. anhand filmischer Repräsentationen, die den als mindersinnig gekennzeichneten Körper und seine Funktionen in vorgegebene Arbeitsprozesse einzugliedern versuchen, was zum einen die Unterordnung des Körpers unter das Ziel eines ökonomischen Profits im Ideal der kapitalistischen Leistungsgesellschaft darstellt, zum anderen aber seine Nichtadäquatheit und Abweichung von der Norm umso deutlicher hervorhebt. Die in den ausgewählten Filmbeispielen zu beobachtendende Interrelation von Gestalten und Gestaltungen des Wissens und der Wahrheit, von Modi der Macht und verschiedenen Selbstpraktiken sind in ihrer filmischen Konstruktion von einer teilnahmslos das heilpädagogische Schulungspersonal beobachtenden Kamera in Frederic Wises Multi-handicapped (1986) bis zum Aufbau eines freundschaftlichen Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrer und taubblindem Schüler in Werner Herzogs Land des Schweigens und der Dunkelheit (1971) zu analysieren. Bemerkenswert ist (nicht nur) in dieser Hinsicht die Figur der Fini Straubinger im gleichen Film, die, selbst taubblind, aufgrund der geschickten filmischen Anordnung von Off-Kommentar, On-Gesprächen zwischen Fini und den von ihr Betreuten sowie deren Darstellung als eine Art Heilsbringerin vorgestellt wird. Im Projekt werden so die unterschiedlichen Figurationen von Wissen, Wahrheit und Macht sowohl im Verhältnis zu kultur-, medizin- und heilpädagogischen wie auch filmhistorischen Daten (z. B. Theoriegeschichte des Kultur-, Dokumentar- und Lehrfilmes) zu analysieren sein.

 

 

1 Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit II, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010, Vorlesung 1 v. 1.2.1984, 1 Stunde, S. 15.
2 Anne Waldschmidt: “Macht – Wissen – Körper. Anschlüsse an Michel Foucault in den Disability Studies”, in: Dies.; Werner Schneider (Hrsg.): Disability Studies. Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung, Bielefeld: transcript 2007, S. 55-79, S. 71.

Institutions
  • FB Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften
Funding sources
NameProject no.DescriptionPeriod
Exzellenzinitiative615/10no information
Further information
Period: 01.08.2010 – 31.10.2012
Link: Project homepage