Holocaust und 'Polykratie' in Westeuropa 1940 - 1944

Description

Ziel des Projekts ist die Beschreibung der Strukturen des gegen die Juden gerichteten Verfolgungsapparates und die Untersuchung der Auswirkung dieser Strukturen auf die Verfolgungs- und Vernichtungskapazität des nationalsozialistischen Regimes im deutsch besetzten Westeuropa in den Jahren 1940 bis 1944. Vergleichsländer sind Frankreich, Belgien und die Niederlande. Diese Länder weisen im Untersuchungszeitraum gravierende Unterschiede bei den Opferraten unter der jüdischen Bevölkerung auf (Deportationsrate in Frankreich 25 %, in Belgien 43 %, in den Niederlanden 76 %), ebenso aber auch erhebliche Unterschiede bei den Besatzungsregimen und der formalen Stellung von SS und Gestapo.


Mit dieser Zielsetzung sind zwei theoretische Probleme verknüpft, zu deren Klärung die Untersuchung beitragen soll:


Zum einen geht es um das Paradox von "Polykratie" und Vernichtungskapazität. Eine der weithin akzeptierten Annahmen der Forschung über den Holocaust lautet, dass Völkermord dieses Ausmaßes ohne das Zusammentreffen von antisemitischer Ideologie und einer modernen, effektiven Bürokratie nicht möglich gewesen wäre. Andererseits werden die Herrschaftsstrukturen des Nationalsozialismus im allgemeinen und die der deutschen Besatzungsregime während des Zweiten Weltkriegs im besonderen in der Forschungs als ein mehr oder weniger unkoordiniertes Neben- und Durcheinander, als "Polykratie" oder gar als "organisiertes Chaos" charakterisiert. Anliegen der Untersuchung ist es, das hier zu Tage tretende Paradox aufzuhellen: Haben sich die "polykratischen" Strukturen auch auf den Verfolgungsapparat des Holocaust erstreckt oder ausgewirkt? Wenn ja, in welchem Ausmaß und in welchem Sinne? Hat der Wirrwarr der Kompetenzen und Zuständigkeiten den Verfolgungsapparat hier und da ineffektiv gemacht? Oder entstanden hier außer den unvermeidlichen Verantwortungsverzerrungen auch Gelegenheitsstrukturen sowohl für Eigennutz als auch für das Nicht-Wissen-Wollen, Strukturen, die namentlich den Mittätern die Konfrontation mit dem Unmoralischen ihres Tuns ersparten und sie scheinbar aus der Verantwortung entließen?


Zum anderen verweisen die Fragen nach dem Verhältnis von Arbeitsteilung, "Polykratie" und Vernichtungskapazität auf das Verhältnis von institutioneller Ordnung und persönlicher moralischer Verantwortung. Diese Frage hat bereits in der Debatte zwischen "Intentionalisten" und "Strukturalisten" bzw. "Funktionalisten" in den 1980er Jahren eine Rolle gespielt. Es wäre offensichtlich sinnlos, die "Akteure" von den arbeitsteiligen und "polykratischen" Strukturen zu lösen, in die ihr Handeln eingebettet war. Aber die Akteure können mit den Institutionen auch nicht identifiziert werden. Fraglos habendie Institutionen das Verhalten der Akteure geprägt, aber sie haben es nicht so sehr determiniert, dass den Verfolgern und ihren Helfern die Folgen ihres Handelns nicht zugerechnet und ihnen eine moralische Verantwortung nicht zugemessen werden könnte. Das Verhältnis von institutionellen "Strukturen", Personen und Handlungsrationalität, das im Mittelpunkt einer solchen Betrachtung steht, repräsentiert eine Fülle ungelöster fragen nicht etwa nur der Holocaust-Forschung, sondern der jüngeren Sozialforschung überhaupt. Die Untersuchungsoll sowohl zu der einen als auch zu der anderen theoretischen Diskussion einen Beitrag leisten.


Es sollen in diesem Zusammenhang zwei konkurrierende Generalhypothesen überprüft werden:

- Arbeitsteilung und "Polykratie" innerhalb der Verfolgungsstrukturen haben die Durchsetzung der Maßnahmen zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden gehemmt, weil sie für die Verfolger den Koordinationsaufwand erhöhten, Abstimmungszwänge erzeugten, Spielräume für unterschiedliche Handlungsstrategien konkurrierender Instanzen eröffneten und die Kontrolle über die Helfer erschwerten.

- Arbeitsteilung und "Polykratie" innerhalb der Verfolgungsstrukturen haben die Durchsetzung der Maßnahmen zur Verfolgung und Vernichtungder europäischen Juden gefördert, weil sie für die Helfer Gelegenheitsstrukturen für selektive Wahrnehmungen und selektive Anreize und damit für die Ausblendung des Gesamtzusammenhangs des Verfolgungs- und Mordgeschehens, für die "Banalisierung des Bösen" und die Überlagerung moralischer durch utilitaristische Erwägungen erzeugten.

Institutions
  • FB Politik- und Verwaltungswissenschaft
Funding sources
NameProject no.DescriptionPeriod
Sonstige564/03no information
Further information
Period: 01.04.2000 – 13.03.2004