Die Zukunft der Kapitaleinkommensbesteuerung bei globalisierten Finanzmärkten

Beschreibung

Moderne Einkommensteuersysteme wurden zu einer Zeit entwickelt, zu der als Leitmotiv der traditionellen Steuerpolitiken in allen OECD-Ländern die umfassende Einkommensbesteuerung nach Schanz, Haig und Simons (SHS) diente. Die fortschreitende Globalisierung der Finanz- und Gütermärkte seit Beginn der 80'er Jahre hat die Rahmenbedingungen für die nationale Wirtschaftspolitik markant verändert. Auf dem Finanzsektor hat insbesondere die Liberalisierung und die Internationalisierung des europäischen Kapitalmarktes für Finanzanleger und Direktinvestoren im Zuge der Vollendung des europäischen Binnenmarktes zur Schaffung neuer Märkte für derivative Finanzprodukte geführt. Kapitalanbieter und Kapitalnachfrager haben auf diese neuen Rahmenbedingungen reagiert und die Mobilität von Finanz- und Realkapital hat international erheblich zugenommen.


Diese neue Situation stellt in dreifacher Hinsicht eine Herausforderung an die traditionelle Steuerpolitik dar. Erstens erscheint die Politik der umfassenden Besteuerung von Finanzerträgen und von Kapitalgewinnen auf nationaler Ebene angesichts der erhöhten Mobilität der Steuerbemessungsgrundlagen vielfach als unwirksam. Zweitens stellt die Entwicklung neuer Märkte für derivative Finanzprodukte die Finanzverwaltung vor schwerwiegende Bewertungsfragen, die den Anlegern neue Spielräume zur Steuervermeidung und Steuerarbitrage eröffnen. Drittens wird der Gestaltungsspielraum der nationalen Steuerpolitik durch internationalen Steuerwettbewerb eingeschränkt.


Damit versagen herkömmliche Methoden zur Ermittlung der Steuerbasis, da Grundvoraussetzung für den SHS-Ansatz deren Beobachtbarkeit ist. Alle nationalen Steuerbehörden stehen damit vor der Herausforderung, sowohl das traditionelle SHS Steuersystem zu überprüfen als auch neue Methoden zur Erfassung von Kapitaleinkünften zu entwickeln.


Das Forschungsprojekt soll nun basierend auf früheren Vorarbeiten diesen Forschungsschwerpunkt in einem Kernbereichvertiefen und Politikempfehlungen entwickeln, die dazu beitragen, Informationsdefizite im Bereich der Kapitaleinkommensbesteuerung zu beseitigen, sowie steuerpolitische Maßnahmen außerhalb des SHS-Ansatzes ausloten. Dabei sollen spezielle Problemfelder der internationalen Kapitalbesteuerung in zwei Teilprojekten bearbeitet werden.


Das erste Teilprojekt behandelt Probleme bei der Einkommensbesteuerung von Kapitalerträgen natürlicher Personen. In diesem Projekt soll von Dirk Schindler untersucht werden, wie ein neues, verallgemeinertes Besteuerungssystem (Triple Income Tax ) aussehen kann, das alle bisherigen Besteuerungssysteme als Spezialfälle beinhaltet und optimal auf die Einbeziehung aggregierten Risikos reagieren kann. Darüber hinaus soll untersucht werden, wie sich dieses Besteuerungssystem mit Vorschlägen zu einer timing-neutralen retrospektiven Kapitalgewinnbesteuerung im Rahmen einer verallgemeinerten Cash-Flow Steuer kombinieren läßt.


Die Vorarbeiten zur Analyse ökonomischer Inkonsistenzen sowohl im geltenden Steuerrecht als auch im reinen SHS-Ansatz und zur Vermeidung daraus resultierender Verzerrungen, sowie die Überlegungen zur optimalen Besteuerung von Risikoprämien rechtfertigen die Implementierung einer Triple Income Tax, welche die Steuerbemessungsgrundlage in die Einkommensteile Arbeitseinkünfte, sichere Kapitaleinkünfte und Überschußrendite zerlegt. Eine getrennte Besteuerung dieser Einkommensteile soll zu einer Verminderung des Excess burden führen und gleichzeitig ermöglichen, aggregiertes Risiko in den Kapitaleinkünften steuertechnisch optimal erfassen zu können. Hierzu soll in einem Optimalsteuerrahmen die wohlfahrtsmaximierende Ausgestaltung eines solchen Besteuerungssystems hergeleitet werden.


Gleichzeitig weist eine solche Behandlung der Kapitaleinkünfte große Parallelen zur retrospektiven Kapitalgewinnbesteuerung auf, die im Rahmen einer verallgemeinerten Cash-Flow Steuer ex post die fiktive sichere Verzinsung der Besteuerung unterwirft. Allerdings konzentriert sich die bisherige Analyse dieser neuen Form einer Cash-Flow Besteuerung nur auf Steuerarbitrage und lock-in Effekte, während sie Auswirkungen des Einkommensrisikos vernachlässigt. Daher soll in dem Teilprojekt gleichfalls versucht werden, beide Besteuerungssysteme miteinander zu vereinen und eine retrospektive Besteuerung wohlfahrtstheoretisch zu rechtfertigen.


Das zweite Teilprojekt ist eine empirische Ergänzung des ersten Teilprojekts und beschäftigt sich mit der Entwicklung von Maßgrößen, mit deren Hilfe die effektive Steuerbelastung von Kapitalerträgen transparent erfasst und quantitativ berechnet werden kann.


Basierend auf dem Konzept effektiver durchschnittlicher Steuersätze von Mendoza/Razin/Tesar bzw. Volkerink/de Haan soll Markus Beslmeisl zunächst das Ausmaß der Abweichung der tatsächlichen Faktorsteuerbelastung vom Idealstandard einer synthetischen Einkommensteuer durch effektive Steuerquoten auf Arbeits- und Kapitaleinkommen im internationalen Vergleich quantifizieren und begründen.


In einem nächsten Schritt sollen die impliziten Kapitalsteuerquoten durch Disaggregation weiter aufgespaltet werden, um die unterschiedliche steuerliche Behandlung verschiedener Kapitalerträge und deren Auswirkung auf das Anlageverhalten zu untersuchen. Als Datenbasis für die Berechnung disaggregierter effektiver Steuersätze sollen Mikrodaten aus Steuerstatistiken herangezogen werden.


Alternativ zur Disaggregation von Makrodaten soll abschließend geprüft werden, inwieweit sich aussagekräftige Maßgrößen für effektive Kapitalsteuersätze auch indextheoretisch begründen lassen, indem die Steuerbelastung auf Erträge aus fixen oder variablen Musteranlageportfolios eines Durchschnittshaushalts als ökonomisch/statistisches Konzept entwickelt, empirisch errechnet und auf ihre ökonomische Relevanz hin untersucht wird.

Institutionen
  • FB Wirtschaftswissenschaften
Mittelgeber
Name Kennziffer Beschreibung Laufzeit
Sonstige593/03keine Angabe
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Laufzeit: 01.07.2003 – 30.06.2005