Transformationen von politischen Bildprogrammen in Diktatur und Demokratie. Ein Vergleich der Machtinszenierungen in Deutschland und Italien (1922/33 bis zum Ende der 1960er Jahre)

Beschreibung

Um der prinzipiellen Fragilität sozialer Strukturen entgegenzuwirken ist es besonders in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften notwendig, auf sinnorientierte symbolische Kommunikation zurückzugreifen. Sie trägt in hohem Maße zur Komplexitätsreduktion gesellschaftlicher Vorgänge bei, konstruiert Wirklichkeit für die Gesellschaftsmitglieder und trägt aufgrund ihrer Orientierungsleistung erheblich zur Stabilisierung von sozialen Sinnmustern bei. Gesellschaftliche Kommunikation – und politische im Besonderen – stützt sich hierzu auf vorhandene und anerkannte Normen und Symbole. Erfolgreiche symbolische Politikinszenierungen konstituieren einen Werte- und Normenraum und dämmen somit die Fragilität sozialer Sinnmuster ein.

Das vorliegende Projekt wird die Fragilität sozialer Ordnungen und die Versuche ihrer Stabilisierung in zweifacher Hinsicht untersuchen: erstens vor der Folie der politischen Integration durch die fortwährende Inszenierung außeralltäglichen Charismas innerhalb der Diktaturen, wobei diese Inszenierungen dessen ungeachtet von einer kontinuierlichen Veralltäglichung des Charismas bedroht sind und somit fragil bleiben. Zweitens wird der politische Bruch und Systemwechsel von 1945 untersucht. Die visuelle Vermittlung der hiermit verbundenen umfassenden strukturellen Transformationen stellt einen wesentlichen Schwerpunkt des Projekts dar. Politische Integration durch symbolische Kommunikation steuert einen unerlässlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilisierung und Integration bei.

Mit der Fundmentalpolitisierung breiter Bevölkerungsschichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rücken Fragen der breitenwirksamen Politikvermittlung zunehmend in das Blickfeld politischer Akteure. Da diese politischen Entwicklungen zeitgleich mit Veränderungen im massenmedialen Ensemble vor sich gehen, verwenden auch politische Machthaber in wachsendem Maße die aufstrebenden und schnelle Verbreitung findenden visuellen Medien Fotografie und Film zum Zwecke der Legitimations- und Konsensbeschaffung innerhalb der Bevölkerung.

Anschließend an Überlegungen zur faschistischen Ästhetik (bspw. Formalismus und Personalisierung der Machtinszenierungen) werden zunächst die politischen Inszenierungen im faschistischen Italien und Deutschland auf einer breiten empirischen Basis verglichen und zudem in ihrer wechselseitigen Verflechtung und in den jeweiligen Transferleistungen untersucht. Durch die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums über den Zusammenbruch der faschistischen Regimes und den politischen Systemwechsel von 1945 hinaus stellen die Transformationen von politischen Bildprogrammen einen wesentlichen Schwerpunkt der Arbeit dar.

Die Untersuchung wird mit dem Ende der 1960er Jahre abgeschlossen, die als Scharnierjahrzehnt gelten, in dessen Verlauf die Nachkriegsgeschichte als beendet angesehen wird. Neben dem generationellen Wandel, der neue politische Akteure und ein verändertes Politikverständnis auf den Plan ruft, spricht vor allem die Entwicklung der Massenmedien mit dem Aufstieg des Fernsehens und damit die Ausweitung des massenmedialen Ensembles für dieses Ende des Untersuchungszeitraumes.

Insbesondere der diachrone Vergleich zwischen Diktatur und Demokratie verspricht Einblicke in das Wechselverhältnis von politischem System, Mediensystem und Ästhetik und erlaubt zudem die empirische Bearbeitung solch breiter Zeithorizonte. Zu untersuchen bleibt, ob und in welcher Form die grundlegenden strukturellen Gesellschaftswandlungen nach dem Zusammenbruch der faschistischen Systeme auch in den visuellen Politikinszenierungen beobachtbar sind.

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