Religionen im Wettstreit - eine Untersuchung der gegenwärtigen Konversionsdynamiken in Orissa - Indien

Beschreibung

Das Vorhaben ermöglicht neue inhaltliche und methodische Zugänge zur Konversionsdynamik in Indien. Anhand empirischer, durch Feldforschung in Orissa gewonnener Daten werden die integrativen wie auch desintegrativen Faktoren von Religion analysiert. Dabei bedient sich das Forschungsprojekt der neuen Methodik der ethnografisch kontextualisierten historischen Fotografie.

Diese Studie ist auf die gegenwärtigen, zum Teil gewaltsam ablaufenden Konflikte um Konversion zwischen Hindus (90 % der Bevölkerung), Christen (3 %) und den autochthonen Religionen ethnischer Gruppen (z.B. Kondh, Sora) fokussiert. Für den Konvertierenden sind die integrativen Elemente der neuen Religion, in diesem Fall z.B. die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft Gleichgesinnter, das Gefühl von Identität und Zugehörigkeit usw., Gründe für seinen Entschluss. Zugleich aber ist Konversion in den meisten Fällen auch Zeichen des Protestes gegen soziale Benachteiligung marginalisierter Gruppen, so der Dalit (sogen. Unberührbare, 16 %) und Adivasi (sogen. Ersteinwohner, 51 %), die sich damit einer durch Kastendominanz geprägten indischen Sozialhierarchie entziehen.

Die Zunahme an Konversionen in den letzten Jahren in Orissa führte auf Seiten hindu-nationalistischer Gruppen (Sangh Parivar) zu Gegenreaktionen wie Re-Konvertierung von Christen zu Hindus und gewaltsamen Übergriffen auf Christen und deren Institutionen. Nach dem Tod eines radikalen Hindupredigers, der zum Kampf gegen christliche Konversion aufgerufen hatte, kam es im August 2008 zu verheerenden Pogromen gegen Christen, und noch immer sind Tausende auf der Flucht. Die Gewaltausbrüche zeigen, dass ein Großteil der Hindubevölkerung diese Gewalttaten zumindest zuließ. Sie sahen den Hinduismus in Gefahr, sahen in den Konversionen eine Desintegration der alten traditionellen Gesellschaftsordnung und damit einen Angriff auf die Privilegien Hochkastiger und der Kastenhierarchie.

Parallel dazu versuchten Politiker und Hinduprediger, die nicht-christlichen ethnischen Gruppen zu politisieren, zu „hinduisieren“ und sie gegenüber den Christen zu polarisieren. Dies führte zu einer Veränderung der traditionellen sozialen Ordnungsmuster. Es sind vor allem junge Menschen, die konvertieren, wobei charismatische Kirchen (nichtetablierte traditionelle Kirchen) einen besonders großen Zulauf haben. Im Gegenzug dazu schließen sich vor allem Jugendliche radikalen Hindugruppen an, die zum Kampf gegen christliche Konversion und Christen allgemein aufrufen. 

Bei der Frage des Projekts nach den Gründen dafür, dass junge Menschen in Orissa zum Christentum konvertieren, sollen Konvertierende, Vertreter verschiedener Denominationen und radikale Gegner von Konversion zu Wort kommen. Anhand empirischer Daten von Feldforschungsaufenthalten in Orissa im Winter 2009/2010 und 2010/2011 werden die kulturelle Faktoren, die prägend für die gegenwärtige Interaktion zwischen Hinduismus und Christentum und indigenen Religionen sind, skizziert und ihre Rolle im Prozess der Integration und Desintegration sowie ihre Auswirkungen auf die soziale Ordnungsbildung aufgezeigt.

Das Vorhaben ist ein Beitrag zu Forschungsfeldern wie „Identitätskulturen“, indem es die Rolle des Religiösen bei der Konstitution kollektiver und individueller Identität untersucht. Ebenso gibt es Anknüpfungspunkte zum Forschungsfeld „Transkulturelle Hierarchien“. Durch die Konversion zum Christentum wird die frühere Einbindung in ein hierarchisches Ordnungsmuster in ein anderes, nach westlichen Kriterien strukturiertes System transformiert. Die Analyse der gegenwärtigen, teils gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und hindu-fundamentalistischen Gruppen und deren „Konfliktgeneratoren“ kann ein Beitrag zur Konfliktforschung im Bereich von Konversionsdynamiken sein.

Institutionen
  • Exzellenzcluster
Mittelgeber
Name Kennziffer Beschreibung Laufzeit
Exzellenzinitiative739/09keine Angabe
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Laufzeit: 16.10.2009 – 31.12.2011