Varianzen liberaler Weltordnungspolitik. Der umstrittene Globalisierungsprozess der NATO

Beschreibung

Das Dissertationsprojekt untersucht die Bedeutung identitärer Faktoren im umstrittenen Globalisierungsprozess der North Atlantic Treaty Organization (NATO). In den letzten Jahren haben konstruktivistische Ansätze vor allem die auf liberal-demokratischen Werten basierende „kollektive Identität“ der NATO-Mitgliedstaaten angeführt, um das Fortbestehen des Bündnisses nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, den Erweiterungsprozesses um die neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa und die NATO-Interventionen im ehemaligen Jugoslawien zu erklären, die für konkurrierende Ansätze mehr oder weniger große Puzzles darstellten. Bei der Debatte über eine funktionelle bzw. institutionelle „Globalisierung“ der NATO kommt dieser Erklärungsansatz jedoch an seine Grenzen: Offensichtlich wirkt sich die „kollektive Identität“ hier (bislang) nicht auf eine gemeinsame Ordnungspolitik aus. Stattdessen zeigen sich in diesem Globalisierungsprozess deutliche Varianzen liberaler Ordnungsvorstellungen und konkurrierende Narrative, die ihre Wurzeln – so die Hypothese – in unterschiedlichen Interpretationen liberalen Gedankenguts haben. Man kann diese bündnisinterne Debatte daher als Auseinandersetzung über die „kollektive Identität“ der NATO verstehen.

Während einige Mitgliedstaaten die Allianz als eine Art Nukleus einer globalen Organisation liberaler Demokratien verstehen, die als Garant einer „liberalen Weltordnung“ fungieren und eine verstärkte Kooperation mit liberalen Demokratien in anderen Regionen anstreben solle, betonen andere den euro-atlantischen Charakter und die daraus folgende begrenzte globale Rolle der Allianz, die allenfalls zum Zwecke der Selbstverteidigung oder im Auftrag der Vereinten Nationen tätig werden könne und sich auf die Gewährleistung von Stabilität in einem regionalen Rahmen konzentrieren solle.

Bei diesen Varianzen liberaler Ordnungsvorstellungen handelt es sich jedoch um einen Aspekt, der in der Forschung zum Demokratischen Frieden bislang zu wenig berücksichtigt wurde, da dort zunächst eher die Unterschiede zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien und weniger die Varianzen demokratischer Außen- und Sicherheitspolitik thematisiert wurden. Die Arbeit widmet sich daher der Frage, warum Mitglieder einer Sicherheitsgemeinschaft aus ihrer „kollektiven Identität“ so unterschiedliche weltordnungspolitische Konzeptionen ableiten. Auf diese Weise soll die Erklärungskraft identitätsbasierter Ansätze für die Transformation der NATO mit der Auseinandersetzung über die globale Rolle der NATO an einer Debatte überprüft werden, die für die zukünftige Entwicklung der Allianz von zentraler Bedeutung ist.

Das Dissertationsprojekt möchte zu diesem Zweck die oft beschriebene „kollektive Identität“ der NATO-Staaten problematisieren und analysieren, wie diese im politischen Diskurs konstruiert und in politisches (kollektives) Handeln oder Nicht-Handeln übersetzt wird. Schließlich stellt sich damit die Frage, welche Bedeutung „liberal-demokratische“ Werte für die globalen ordnungspolitischen Konzepte der NATO-Staaten und die gemeinschaftliche Sinnkonstruktion sowie welche Auswirkungen diese konkurrierenden Identitätskonstruktionen für Integration und Desintegration internationaler Gemeinschaften und somit die gemeinsame Handlungsfähigkeit der NATO haben.

Teilnehmer
  • Bunde, Tobias - Mitarbeiter
Institutionen
  • Exzellenzcluster
Weitere Informationen
Laufzeit: keine Angabe