Aneignung, Integration und Ausschluss: Der Sibirientext im 20 Jahrhundert

Beschreibung

Wie im Erstantrag formuliert, befasst sich das Projekt mit Prozessen kultureller Aneignung als der "interkulturellen Dimension innerkultureller Integrationsprozesse". Konkret geht es um einen speziellen Fall kultureller Aneignung: die Aneignung von geokulturellen Räumen am Beispiel Sibiriens. Darunter ist eine Eintragung in mentale Karten, in eine imaginäre Geographie zu verstehen, die dem Raum aus einer je spezifischen sozio- und geokulturellen Perspektive eine symbolische Bedeutung zuschreibt. Dadurch wird der Raum in eine symbolische Relation zu anderen Räumen gesetzt, von ihnen abgegrenzt und erhält einen symbolischen Wert, mit dem entweder eine kulturelles Selbstbild gestärkt oder eine ent- oder aufwertende Abgrenzung gegenüber diesem vorgenommen werden kann. Das Projekt ist bestrebt, die den unterschiedlichen Perspektiven entsprechende Vielzahl der imaginären "Sibirien", die Etappen ihrer historischen Transformation sowie ihre Funktion bei Definition und Abgrenzung kultureller Identität zu rekonstruieren.


Während die bisherige Untersuchung v.a. die "imperiale" Phase zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert in den Blick nahm, d.h. jene Phase in der Sibirien von Russland kolonisatorisch angeeignet, als Kolonie definiert und damit kulturell zugleich unmissverständlich abgegrenzt wurde, soll der Schwerpunkt nunmehr auf das 20. Jahrhundert gelegt werden. Dabei wäre zunächst grob zu differenzieren zwischen einer ersten und einer zweiten postkolonialen Phase. Für die erste, worunter die sowjetische Periode in ihrer Gesamtheit zu verstehen ist, meint dieses Epitheton schlicht die Definition dieser Region nicht mehr als Kolonie, sondern als integrativer Bestandteil der Sowjetunion, der wie alle anderen Provinzen dem Sowjetisierungsprogramm unterzogen werden sollte. Die Bezeichnung der postsowjetischen Epoche als zweite postkoloniale Etappe entspricht eher dem westlichen Verständnis dieses Begriffs, für das die 'archäologische' Reflexion ethnischer Identität unter den Trümmern des Kolonialismus und im Angesicht der "Globalisierung" entscheidend ist. Im Fall Sibiriens sind hiervon v.a. die indigenen Ethnien betroffen, die die Vorzüge und Lasten einer postassimilatorischen (d.h. nach Russifizierung, Alphabetisierung, sowjetischen Bildungssystem) Emanzipation zu tragen und z.T. die Möglichkeit haben, Sibirien als ihren Lebensraum neu anzueignen. Darüber hinaus sind sämtliche postrevolutionäre Perioden im einzelnen zu unterscheiden, d.h. Bürgerkrieg, Stalinismus, Poststalinismus und Perestrojka, wobei jeweils spezifische Blickwinkel berücksichtigt und nach den Formen und der Reichweite epochenspezifischer symbolischer Transformation gefragt werden soll. Diese Epochen einschließlich der postsowjetischen bilden die erste, historische Achse, nach der sich die Untersuchung ausrichtet.


Eine zweite Achse bilden die schon für den imperialen Zeitraum herausgearbeiteten Perspektivierungen Sibiriens, die sich im 20. Jh. dadurch weiter auffächern, dass mit neuen Akteuren neue Blickwinkel relevant werden (etwa die verschiedenen größeren Gruppen von Ausländern, die im Zusammenhang von Revolution, Bürgerkrieg und Weltkrieg für längere Zeit nach Sibirien gerieten) sowie dadurch, dass bisher von der Partizipation an der symbolischen Konstruktion dieser Region ausgeschlossene gesellschaftliche Gruppen wie die russifizierten sibirischen Ethnien sie aktiv mitgestalten. Dieser perspektivischen Diversifizierung korrespondiert eine forschreitende regionale Differenzierung, die Sibirien als imaginäre geographische Einheit fragmentiert und anders deutet. Daraus ergibt sich eine Modifikation des Aneignungsbegriffs, der nun nicht mehr nur für die Seite der hegemonialen, d.h. der kolonisatorischen Kultur anzuwenden ist, sondern auch in umgekehrter Richtung für die der ehemals kolonial unterdrückten Kulturen, die als zwangsassimilierte und russifizierte nun auch zum Untersuchungsgegenstand gehören. Außerdem soll im Bestreben, die geokulturelle und geopolitische Relevanz des fremden, sei es europäischen, sei es asiatischen Blicks auf Sibirien (als hinterstes europäisches "Hinderland" oder als Heartland-Brücke über Eurasien) zu berücksichtigen, die externe Perspektive ins Spiel gebracht werden. Sie verleiht der imaginären Geographie Sibiriens eine transnationale und transethnische Komponente. Demgemäß muss unterschieden werden zwischen hegemonialen und subversiven, sowie zwischen regionalen, marginalisierten und externen Aneignungsstrategien.


Auch in Hinblick auf das Untersuchungsmaterial ergibt sich durch die Konzentration auf das 20. Jh. gegenüber dem Erstantrag eine Modifikation. Während in der ersten Antragsphase ausschließlich Elitendiskurse, nämlich die Sibirien thematisierende russische Literatur, die Geschichtsschreibung sowie die Ethnographie untersucht werden, über die sich die symbolische Aneignung und Konstitution russischer Sibirienbilder im imperialen Zeitraum vollzog, erfordert die Konzentration auf symbolische Transformationsprozesse des 20. Jh.s v.a. aufgrund des rasanten Medienwandels und der Entwicklung der Massenmedien ein anderes Material, mit dessen Hilfe man auch die symbolische Konstruktion Sibiriens für einen breiteren, russischen und außerrussischen Rezipientenkreis erfassen kann. Gegenüber der vorangegangenen Projektphase sollen daher andere Diskurse sowie neben Texten auch andere Medien untersucht werden. Sie dienen als dritte Orientierungsachse.


Die Diversifizierung und komplexe Verschränkung der Perspektiven sowie die Beteiligung verschiedener Medien motiviert die Aufspaltung des Projekts in zwei Unterprojekte. Unterprojekt 1 soll sich mit Sibirien als lokaler Perspektivierung und historischen Wandel unterworfenem symbolischen Konstrukt der imaginären Geographie und er integrativen bzw. desintegrativen Funktion solcher Konstrukte anhand textueller und filmischer, anspruchsvoller und populärer Repräsentationen auseinandersetzen. Unterpunkt 2 dagegen untersucht das sibirische Regionalkundemuseum ("kraevedexkij muzej") als institutionellen Ort und als Medium der Konstruktion regionaler kultureller Identität einerseits und zentraler Konzeptualisierung der peripheren Kulturraums andererseits. Dieser originär sibirische Museumstyp von prototypischen Charakter für das gesamte russische Museumswesen soll in einer Funktion als institutionalisiertes "Symbolotop" untersucht werden, wobei die aufs Museum bezogenen Epochenschwellen der russischen, sowjetischen und postsowjetischen Kulturpolitik den diachronen Rahmen abstecken, innerhalb dessen der sich vollziehende Wandel des Symbolshaushalts bzw. der materialisierten Veranschaulichung und Popularisierung von wissenschaftlichen Diskursen interpretiert werden muss. Beide Unterprojekten gleichermaßen verfolgten die für den SFB generell leitende Frage nach der Notwendigkeit der Transformation symbolischer Konstrukte einerseits und der Kontinuität der Tradierbarkeit bzw. Resistenz vorhandener andererseits zur Erfüllung ihrer integrativen Funktion.

Institutionen
  • FB Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften
Mittelgeber
NameKennzifferBeschreibungLaufzeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft503/00keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: 01.01.2003 – 31.12.2005