Stile des Lebens' - Zur Formierung symbolischer und emblematischer Distinktions-, Orientierungs- und Ordnungsmuster moderner 'Individualitätsfigurationen

Beschreibung

Die Entwicklung der 'verwirrenden Mannigfaltigkeit' unterschiedlicher Lebensstile in modernen Industriegesellschaften ist auf das strukturelle Problem zurückzuführen, dass die Bestände gesellschaftsübergreifender Norm- und Wertvorstellungen (objektive Kultur) in der Ferne "abstrakter Allgemeinheit" (Simmel 1996: 606) abgeschoben sind und von dort her kaum noch auf das konkrete Verhalten einzelner Individuen und Gruppen ausstrahlen: Zwar sind die Anhänger distinkter Lebensstile nach wie vor gezwungen, sich innerhalb der Gesellschaft einzurichten und auf gesellschaftliche Zwänge zu reagieren, doch findet ihr alltägliches Handeln und ihre 'eigensinnige' Existenz in jenem fernen Sinnhorizont, der die Gesellschaft als Ganzes umfasst, keinen hinreichend festen "Stützpunkt" (Plessner 1975: 343). Ein eigenständiges Selbst- und Weltverständnis artikulierend, stehen Lebensstile - so unsere Grundüberlegung - in einer symbolischen Konkurrenz zu den bestehenden Normierungen des sozialen Lebens durch die "objektive Kultur" (Simmel) der Gesellschaft.


Im vorliegenden Forschungsprojekt soll - in Fortführung der Analyse der ausgewählten Fälle Dandy, Wandervogel, Pop-Ikonen - untersucht werden, wie die Anhänger dieser Lebensstile die gesellschaftliche Wirklichkeit moderner Industriegesellschaften aufgrund ihres spezifischen Selbst- und Weltverständnisses deuten. Unsere Forschungsfrage ist, welche Haltung gegenüber gesellschaftlichen Normen und Werten (und den in diese 'eingelassenen' Forderungen der Rationalität, Funktionalität und Identität) mit jedem dieser prototypischen Lebensstile verbunden ist und welche Handlungsoptionen und Reaktionspotentiale sich daraus für die Anhänger des entsprechenden Lebensstils ergeben.

Unsere Arbeitshypothese ist hierbei, dass jeder der gewählten Stile eine typische (und in gewisser Hinsicht 'widerspenstige') Reaktionsmöglichkeit auf die Anforderungen und Zwänge, die moderne Gesellschaften einzelnen Individuen auferlegen, 'vorbildlich' (und damit tendenziell massenwirksam) verkörpert: der Lebensstil des Dandy die zunehmende Ästhetisierung und Depragmatisierung des öffentlichen Lebens, der Lebensstil des Wandervogels die Entwicklung einer gemeinschaftsüberhöhenden Organisationsform und der Lebensstil der Pop-Ikonen den zeitweiligen Rückzug in die massenmedial kommemorierte 'Wirklichkeit' von Partys, Raves und körperlichen Transzendenzerfahrungen. Im Vergleich zur ersten Forschungsphase erweitert sich damit der Horizont unserer Fragestellung: Während bislang der 'subjektiv gemeinte' Sinn spezifischer Lebensstiltypen für einzelne Individuen und Gruppen im Mittelpunkt der Rekonstruktionen stand, wird nun - gemäß dem im Erstantrag projektierten Zeitplan - auch deren Bedeutung im Hinblick auf die gesellschaftspolitisch aktuelle Frage untersucht, wie ein neues Modell der Integration konkurrierender Gruppen in pluralen Gesellschaften entwickelt werden kann. Methodisch konzipieren wir unsere Untersuchungen als symbolanalytische Rekonstruktion der durch die ausgewählten Lebensstile verkörperten Lebenshaltungen, die - in einer zweiten, historisch-rekonstruktivem Schritt - mit den jeweiligen gesellschaftsgeschichtlichen Problemlagen in Verbindung gesetzt werden. Ein auf diese Weise entwickeltes integratives Modell von Handlungsproblemen und Reaktionspotentialen zielt auf die Bildung von Idealtypen lebensstilspezifischer Ordnungsvorstellungen, die nicht nur zum Verstehen historischer Einzelfälle beitragen, sondern gleichermaßen auch Aussagen über die Entwicklungstendenzen pluraler Gesellschaften zulassen. Mit dem Forschungsprojekt beabsichtigen wir insgesamt, einen empirisch fundierten Beitrag zur aktuellen Debatte um die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Lebensstilen in pluralen Gesellschaften zu leisten. Entgegen der in dieser Debatte häufig vorgenommenen normativ-theoretischen Konzeptualisierung des Lebensstil-Phänomens als neue, emanzipatorische Politikform (als eine 'Politik des Unpolitischen') vermuten wir, dass die von uns exemplarisch ausgewählten Fälle 'apolitische' Sub-Ordnungen ästhetischer Lebensführung konstituieren, die sich innerhalb und gegen die gesellschaftlich-politische Ordnung etablieren.

Institutionen
  • FB Geschichte,Soziologie,Sportw. u. emp. Bildungsf.
Mittelgeber
Name Kennziffer Beschreibung Laufzeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft570/00keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: 01.10.2000 – 31.12.2005