Entwicklung eines multiplen Indikatorensystems zur Kriminalität und Kriminalitätsentwicklung (Kriminalitätsindikatoren)

Beschreibung

Sozialwissenschaftliche Indikatorensysteme stellen der empirischen Sozialforschung umfassende standardisierte Datensammlungen zur Verfügung, die es ermöglichen, Zustand und Entwicklung der objektiven Lebensbedingungen zu beschreiben und hinsichtlich zahlreicher Fragestellungen der Grundlagenforschung wie der anwendungsbezogenen Forschung zu erschließen.<P>
Der Bereich "Innere Sicherheit und Kriminalität" ist in den gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland verwendeten Systemen sozialer Indikatoren bislang höchst unzulänglich durch Aufnahme ausgewählter Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik berücksichtigt. Insoweit besteht Ergänzungsbedarf nicht nur bezüglich der durch die anderen Organe der Strafverfolgung - Staatsanwaltschaften und Gerichte - registrierten bzw. sanktionierten "offiziellen" Kriminalität, sondern auch bezüglich der objektiven als auch der subjektiven Komponenten der Inneren Sicherheit im Sinne von tatsächlich erfahrener, zu einem großen Teil aber nicht angezeigter und registrierter Viktimisierung und des subjektiven Sicherheitsgefühls der Bevölkerung. Diese Lücke soll durch das multiple Indikatorensystem zu Struktur und Entwicklung von Kriminalität und Sanktionspraxis allmählich geschlossen werden. Hierzu werden derzeit drei Teilprojekte durchgeführt, nämlich Konstanzer Victim Survey (KVS), Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung (KIK), Konstanzer Inventar Sanktionsforschung (KIS).<P>
<LI>1. Konstanzer Victim Survey (KVS): Das Vorhaben "Konstanzer Victim Survey" baut auf den Vorarbeiten der Forschergruppe "Kommunale Kriminalprävention in Baden-Württemberg" auf, die für Zwecke der Einordnung lokal erhobener Befunde eine Batterie bislang in der BRD eingesetzter Items zusammengestellt hat. Bundesweit eingesetzt wurden diese Instrumente 1995 im Rahmen einer GfM-GETAS Mehrthemengroßumfrage bei einer für die Bundesrepublik Deutschland repräsentativen Stichprobe. 1996 wurde mit Mitteln der Universität Konstanz im Rahmen des SozialwissenschaftenBus (SWB) III/96 ein Itemblock zur Viktimisierung geschaltet, um so bezüglich der Viktimisierungsrate im Längsschnitt vergleichbare Indikatoren zu gewinnen. Für die 1997 durchgeführte Erhebung bei insgesamt 23.000 Befragten wurde aus den vorliegenden und bisher schon im Feld eingesetzten Items ein standardisiertes Erhebungsinstrument zusammengestellt als Grundgerüst für ein auf Kontinuität angelegtes multiples Indikatorensystem. Zu diesem Zweck wurde das Instrument zur Erfassung der Viktimisierung, wie schon 1995 und 1996, unverändert eingesetzt. Es wurde indes ergänzt um Daten zu Anzeigeverhalten und Nichtanzeigegründen und um Skalen zur "kognitiven" und "emotionalen Dimension" der Kriminalitätsfurcht sowie um eine "Social Disorder Skala" zur Wahrnehmung sozialer Probleme im sozialen Umfeld.
<LI>2. Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung (KIK): Als Indikatoren von Struktur und Entwicklung der Kriminalität in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht werden bislang in sozialwissenschaftlichen Indikatorensystemen lediglich Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) berücksichtigt. Als Indikatoren sind diese Daten jedoch deshalb nicht zufriedenstellend, weil weder die deutlichen Veränderungen von Zahl und Anteil der Nichtdeutschen noch die - gerade im Bereich der Schwerkriminalität in besonders hohem Maße stattfindenden - Prozesse der "Ausfilterung" und der "Umdefinition" berücksichtigt werden. Unter Berücksichtigung dieser Einsichten wird im Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung die Kriminalitätsentwicklung nachgewiesen für die deutsche Wohnbevölkerung, und zwar gemessen sowohl nach Tatverdächtigen- als auch nach Verurteiltenbelastungszahlen.
<LI>3. Konstanzer Inventar Sanktionsforschung (KIS): Die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik geben nur die "Situation des Verdachts" wieder, weshalb eine "Kontrolle" durch die Daten der Strafverfolgungsstatistik, also über die letztendlich rechtskräftig Verurteilten, notwendig ist. Die Strafverfolgungsstatistikweist allerdings nur einen Ausschnitt der Sanktionswirklichkeit aus; dies gilt zum einen für die Anwendung des Strafbefehlsverfahrens, über dessen Umfang und Struktur bislang wenig bekannt war, dies gilt zum anderen für den großen Bereich der sog. informellen Sanktionierung (Diversion), auf den inzwischen über 50% der Sanktionsentscheidungen entfallen. <P>
Um die Nutzbarkeit für die Forschung zu erhöhen, werden die in Konstanz gewonnenen Datenbestände nicht nur als kontinuierlich gepflegtes Indikatorensystem - insbesondere in Form von Zeitreihen - aufbereitet, sondern auch als regelmäßig aktualisiertes Inventar Publikationen auf den Internetseiten des Konstanzer Instituts für Rechtstatsachenforschung bereitgestellt:
<LI>Konstanzer Inventar Sanktionsforschung(KIS): www.uni-konstanz.de/rtf/kis/
<LI>Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung (KIK): www.uni-konstanz.de/rtf/kik/
<LI>Materialien zu Kriminalitätsentwicklung und Sanktionsforschung: www.uni-konstanz.de/rtf/ki/materialien.htm

Institutionen
  • FB Rechtswissenschaft
Publikationen
  Heinz, Wolfgang (2004): Kriminalität von Deutschen nach Alter und Geschlecht im Spiegel von Polizeilicher Kriminalstatistik und Strafverfolgungsstatistik. Aktualisierte Neuauflage Konstanz 2004. Stand der Daten: 2002

Kriminalität von Deutschen nach Alter und Geschlecht im Spiegel von Polizeilicher Kriminalstatistik und Strafverfolgungsstatistik. Aktualisierte Neuauflage Konstanz 2004. Stand der Daten: 2002

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The paper gives an introduction into current state of knowledge about structure and development of registered crime in Germany - data resources and limits to interpretations are discussed. Special regard is given to divergent trends in crime rates according to police statistics as compared to court statistics.

Forschungszusammenhang (Projekte)

Mittelgeber
Name Kennziffer Beschreibung Laufzeit
Ausschuss für Forschungsfragen14-4/95keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: seit 01.01.1994