Narrative Diaspora in der deutsch-türkischen Literatur und im deutsch-türkischen Film

Beschreibung

Die Zukunft der deutschen Literatur liege in den Händen der Türken, vermerkte der spanische Romancier und Essayist Juan Goytisolo provokant. Und er fügt hinzu, aus dem anfänglichen Spaß mit der Migrantenliteratur sei mit der neueren Literatur deutsch-türkischer Autoren Ernst geworden.

Goytisolo konstatiert hier einen grundlegenden Wandel innerhalb der Nationalliteraturen, die nicht mehr durch das Prinzip der Nativität bestimmt seien: Man wird nicht länger in eine Nationalliteratur hineingeboren, sondern kann in sie einwandern und ihrer habhaft werden. Dieser Wandel wurde bislang weder in der deutschsprachigen Literatur- und Kulturwissenschaft noch in den deutschen Feuilletons in seiner ganzen Konsequenz realisiert. Denn hier geht es nicht nur darum, wie die aktuelle Forschung aufzeigt, dass die neuere Migrationsliteratur und das deutsch-türkische Kino hybrid oder performativ strukturiert seien. Vielmehr hat in der deutschen Literatur und im deutschen Film ein Wandel stattgefunden, der einen Übergang von einer nationalen zu einer internationalen Literatur und Film markiert.

Die Familiengeschichten, die Selim Özdoğan Tochter des Schmieds (2005) Feridun Zaimoğlu Leyla (2006) in ihren jüngsten Romanen oder Fatih Akın in seinem neuen Film Auf der anderen Seite (2007) poetologisch auf höchstem Niveau erzählen, sind nicht nur türkische, deutsch-türkische, sondern explizit auch deutsche Geschichten, die kulturelle Wissensformationen in die deutsche Kunstproduktion und Geschichte einschreiben, die diese zu Beginn des 21. Jahrhunderts grundlegend verändert hat und noch verändern wird. Das geplante Projekt versucht diesen Wandel in seiner poetologischen, aber vor allem in seiner kulturtheoretischen Dimension in Form einer deutschen Literatur- und Kinogeschichte deutsch-türkischer AutorInnen und RegisseurInnen aufzuzeigen.

In der Realisierung dieses Projekts wird eine gleichgewichtige wissenschaftliche Problematisierung und Bearbeitung deutsch-türkischer Literatur und des deutsch-türkischen Kinos auf literaturwissenschaftlicher und kultursoziologischer Ebene geleistet. Poetologisch lassen sich in Literatur und Film von ihren Anfängen in den Siebzigern bis heute mehrere Modifikationen festmachen, die von einer repräsentativ-interkulturell getragenen Identitätskrise (Pazarkaya, Tekinay, Başer), in der das Leid der Migranten Thema der literarischen Auseinandersetzung war, über eine selbstreferentiell-transkulturelle Schreibweise (Özdamar, Zaimoğlu), die die Migrationserfahrung auf eine metasprachliche Ebene verlagerte, bis zu einer ethnographischen Poetik (Zaimoğlu, Özdoğan, Akın) reichen, die nun die Vorgeschichte der Migration über die Biographien der Eltern erzählt.

Was die kultursoziologische Ebene betrifft, haben in dieser Entwicklung die Themen „Nation“, „Kultur“ und „Religion“ folgenreiche Verortungen und Neuhierarchisierungen erfahren. Zugleich wird es ein zentrales Anliegen dieses Projekts sein, die skizzierte Entwicklung über die kultursoziologische Ebene auch als eine Geschichte des Kulturkontakts zu lesen, die für die deutsch-türkische Kulturproduktion einen Übergang von einer interkulturellen zu einer kulturellen Kompetenz aufzeigt.

Diese Engführung von Poetologie und Kulturanalyse hat neben der Einbettung der deutsch-türkischen Literatur- und Filmproduktion in den deutschen und internationalen Kulturdiskurs durch Implikation der Termini von Hybridität und Performativität auch zum Ziel, den Eigensinn deutsch-türkischer Literatur und des Films sichtbar zu machen. In dieser Kopplung liegt das Forschungsdesiderat, das in ihrer Einlösung zentral den in der englischsprachigen Literaturwissenschaft und Kulturanthropologie neu aufgenommenen Begriff der Diaspora (Fludernik 2003, Kokot 2004) gebrauchen und durch die eigene Materialanalyse erweitern wird.

Die neuere Forschung spricht dabei von drei Phänomenen der Diaspora: von einer „colonial diaspora“,  einer „old diaspora“ und der aktuellen Form einer „new diaspora“, die sich in Absetzung von den ersten beiden durch einen eindeutig positiven Bezug zur Migration auszeichnet (Fludernik 2003). Wenn in der kolonialen oder alten Diaspora Widerstands-, Leidensgeschichten und Heimatverlust, hier bedeutet Diaspora Zerstreuung und Dispersion einer Ursprünglichkeit und Zugehörigkeit, im Vordergrund standen, so steht der neue Diasporabegriff für narrative Neukonstitutionen von Subjekt und Kultur, die performativ und hybrid keine Trauerarbeit mehr leistet.

Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einer weiterführenden interdisziplinären Kulturtheorie, die sich primär aus dem Material Literatur und Film ableitet. Zugleich soll die geplante Publikation als Beitrag zur deutschen Literatur und Kulturgeschichte den Begriff der neuen Diaspora am Beispiel deutsch-türkischer Kulturproduktion für die deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft fruchtbar machen.

Institutionen
  • Exzellenzcluster
Mittelgeber
NameKennzifferBeschreibungLaufzeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft703/08keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: 01.01.2008 – 28.02.2012