'1+1=3'. Die Entstehung der sowjetischen Wissenschaften in den 1920er und -30er Jahren unter den Bedingungen moderner Massenkommunikation

Beschreibung

Wie alle Teilsysteme der sowjetischen Kultur war auch die Wissenschaft in den 1920er und beginnenden 30er Jahren einem forcierten Prozess der "Sowjetisierung" ausgesetzt. Die Forschung hat bislang diesen Sowjetisierungsprozess der Wissenschaft vornehmlich als Resultat institutions- und machtpolitischer sowie politisch-ideologischer Interventionen und Einflussnahmen analysiert. Dieses Projekt hingegen richtet seine Aufmerksamkeit auf die innerdiskursiven und textuellen (narrativen und rhetorischen) Praktiken sowie die kommunikativen und medialen Strategien, mit denen sich Wissenschaft und Forschung als "sowjetisch" zu profilieren versuchen.


Anhand von ausgewählten Beispielen aus vier Gegenstandsbereichen - der Sprachwissenschaft, der Biologie/Agrarwissenschaft, der Elektrotechnik/Radiotechnik und der Physiologie - verfolgt das Projekt die Leitthese, dass die Tendenz zu Spezialisierung, Abstraktion und Formalisierung, die für die neuzeitliche Wissenschaft und Forschung wesentlich ist, im Rahmen der "Sowjetisierung" durch textuelle Verfahren blockiert wird, um auf diese Weise die exklusive wissenschaftliche Fachkommunikation permanent für die (sowjetische) Gemeinschaftsversicherung in Anspruch zu nehmen und zu funktionalisieren; die Sowjetisierung der Wissenschaft besteht in einem beständigen, durch massenmediale Möglichkeiten (Zeitschriften, Film, Radio) wesentlich beförderten Kurzschließen von Experten- und Laienwissen, bei dem rational-analytische und formalisierende Prozeduren von mythogenen, transrationalen und "wundersamen" Narrativen durchdrungen und überlagert werden - eine Gegenläufigkeit, die prägnant in der Losung zum Ausdruck kommt, mit der ein sowjetisches Propagandaplakat aus den 30er Jahren die Erfolge des zweiten Fünfjahrplans feiert: "1+1=3"!

Institutionen
  • FB Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften
Mittelgeber
NameKennzifferBeschreibungLaufzeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft631/05keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: 01.09.2005 – 31.08.2007