Der Hölle entronnen... Eine Fallstudie zur Krisenkommunikation in der chemischen Industrie

Beschreibung

Oppau und Ludwigshafen, Bitterfeld, Bhopal, Basel, Frankfurt, Toulouse… Die Liste der Chemieunfälle ist lang. Egal, wann und wo sie sich ereignen, bedrohen Chemieunfälle nicht nur das Leben und die Gesundheit von Menschen, ihre wirtschaftliche und soziale Existenz. Sie stellen vielmehr den modernen Imperativ des technischen Fortschritts als Grundlage gesellschaftlicher Wohlfahrt in Frage. Was Ulrich Beck (Risikogesellschaft, Ffm. 1986, S. 7) nach Tschernobyl schrieb, gilt in engeren Grenzen auch für die Geschichte der Chemieunfälle: „Ihre Gewalt ist die Gewalt der Gefahr, die alle Schutzzonen und Differenzierungen der Moderne aufhebt.“Damit werden Chemieunfälle zu einer zentralen Desintegrationerfahrung industrialisierter Gesellschaften.

Die Zerstörung einer scheinbar selbstverständlichen Ordnung lässt Chemieunfälle zugleich zu Marksteinen öffentlicher Kommunikation werden. Die Katastrophe ist nicht selbsterklärend, sie bedarf der Reflexion, der Einbettung in Sinnzusammenhänge jenseits der Zerstörung. Diskursiv muss eine neue Ordnung geschaffen werden, die Handlungsoptionen eröffnet und Zusammenhalte definiert. Dabei zeichnet sich die Phase der Transformation von der, der  Katastrophe folgenden Krise zu einer neuen Normalität durch das Versagen des bisher verpflichtenden rationalen Kommunikationssystems aus. An seine Stelle treten eine Vielzahl von Sprachspielen, die im Rückgriff auf das überkommene Wertesystem der Religion versuchen, der Katastrophe einen Sinn abzuringen.

Ausgehend von der Hypothese, dass Transzendenz, ein starker Wertediskurs sowie ideelle Gemeinschaftsbildung zentrale Aspekte der Krisenkommunikation von Unternehmen im Katastrophenfall darstellen, wird die Herausbildung und Veränderung dieser Kommunikationsstrategien in historischer Perspektive untersucht. Dies geschieht am Beispiel der chemischen Industrie. Diese bietet sich gerade deshalb für eine solche Untersuchung an, weil sie im späten 19. und im 20. Jahrhundert als Symbol industriellen Forschritts und gesellschaftlicher Wohlfahrt gilt. Zudem trägt sie ein hohes Risikopotential. Dies wird durch die spezifische Lage der Produktionsstätten in der Nähe großer Ballungsräume noch potenziert. Damit ist die Chemieindustrie in jenem Spannungsfeld angesiedelt, das historisch durch großen Fortschrittoptimismus und einen hohen Unsicherheitsfaktor zugleich gekennzeichnet ist.

Aus der Vielzahl der Chemieunfälle, die sich seit der Etablierung der Branche Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts ereignet haben, greift die Analyse jene Ereignisse heraus, die eine historische Längsschnittbetrachtung ermöglichen und die in ihrer Zeit eine besondere Publizität erreicht haben. Dazu zählen die Explosionsunglücke bei der BASF 1921 und 1948, der Chemieunfall in Bitterfeld 1968, der Brand bei Sandoz in Schweizerhalle 1986 und der Störfall bei Hoechst 1993.

Die Analyse widmet sich der Frage, wie Krisen infolge von Chemieunfällen kommunikativ verarbeitet werden. Sie tut dies auf zwei Ebenen – der medialen und der unternehmerischen. Wo möglich, soll auch die Perspektive der Betroffenen, seien es Mitarbeiter oder Bevölkerung, Berücksichtigung finden. Dabei wird die unternehmensinterne wie –externe Kommunikation den Mittelpunkt der Betrachtungen bilden. Unternehmen sind zentrale Ordnungsfaktoren der modernen, rational organisierten Wirtschaftssysteme der westlichen Welt. Obwohl in ihrer heutigen Form eine Erfindung des 19. Jahrhunderts erscheinen sie als unhintergehbare Größen von Forschung, Entwicklung und Ökonomie. Erst in der Krise in ihrer eruptiven Form, der Katastrophe, werden Unternehmen in ihrer Instabilität erkennbar. Die Integrationskraft des rationalen Kompromisses von Fortschritt und Wohlstand wird im Augenblick der Katastrophe in Frage gestellt. Die Erosion ausgehandelter und naturalisierter Normalität bedroht die Stabilität des Ordnungszusammenhangs grundsätzlich. Um diese wiederherzustellen, müssen alternative Kommunikationsformen aktiviert werden. Religiöse Diskurselemente treten an die Stelle rationaler Argumentation.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, am Beispiel der Krise in einem thematisch begrenzten Rahmen Strategien der Ordnung und Sinngebung in einer säkularen und industriellen Welt sichtbar zu machen. Im Augenblick einer zentralen Desintegrationserfahrung – der Chemiekatastrophe –, die das Ordnungsgefüge Unternehmen, Umwelt, Region, Bevölkerung grundlegend erschüttert, werden Kommunikationsstrukturen aktiviert, die auf kulturelle Ressourcen aus dem Bereich des Transzendenten zurückgreifen. Die Welt des homo oeconomicus gerät aus ihren rationalen, fortschrittsorientierten Fugen und kann nur im Rückgriff auf religiöse Diskursive reformuliert und in eine veränderte Form gesellschaftlicher Integration aller beteiligten Diskursgrößen überführt werden .Auf der Ebene der kommunikativen Krisenbewältigung in Unternehmen wird die Persistenz religiöser Diskursive analysiert. Es wird zu zeigen sein, dass gesellschaftliche Integration auch innerhalb des vermeintlich rationalen Feldes der Ökonomie nicht ohne das Religiöse zu denken und zu leisten ist.

Teilnehmer
Institutionen
  • FB Geschichte,Soziologie,Sportw. u. emp. Bildungsf.
  • Exzellenzcluster
Mittelgeber
NameKennzifferBeschreibungLaufzeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft734/07keine Angabe
Weitere Informationen
Laufzeit: 01.04.2007 – 30.09.2011